“Was wissen Sie über Sucht?”
“Text aus P&S 2/2009, www.punds.org” – Mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.
Ein kleiner Wissenstest
von Ulrich Giesekus
[...] Fast jeder erlebt ja Suchtstörungen im persönlichen Umfeld, doch leider ist fundiertes Wissen über Sucht, Prävention und Behandlung nicht Allgemeingut. Wie steht es bei Ihnen? Halten Sie die folgenden Aussagen für richtig oder falsch?
1. Sucht ist definiert als eine körperliche und psychische Abhängigkeit von Substanzen, die mit Toleranzentwicklung und Entzugssymptomen sowie einem unstillbaren Verlangen nach dem Konsum des Suchmittels verbunden ist.
Antwort: Richtig und falsch, je nachdem, wem man glaubt. In der Definition der UNO-Weltgesundheitsorganisation WHO von 1957 wird der Suchtbegriff in der Tat eingeschränkt auf „den Zustand periodischer und chronischer Vergiftung“ und ist damit auf stoffgebundene Süchte beschränkt.
In der Zwischenzeit ist – nicht zuletzt durch die Entwicklungen in der Hirnforschung – deutlich geworden, dass viele stoff-ungebundene Süchte in ihrer Dynamik den stoffgebundenen Süchten in nichts nachstehen. Magersucht, Spielsucht, Sexsucht, Arbeitssucht, Putzsucht und Internetsucht, um nur einige zu nennen, können durch Ausschüttung körpereigener Neurotransmitter (insbesondere Adrenalin, Endorphine und Dopamin) die gleichen Toleranz- und Entzugssymptome erzeugen wie die Einnahme von Substanzen.
Konsens: Sucht ist ein seelischer Zustand, bei dem
- die Fähigkeit zur Selbstkontrolle beschädigt ist,
- das Suchtverhalten der Aufrechterhaltung des emotionalen Gleichgewichtes dient, was
- dazu führt, dass das Suchtverhalten die Probleme bewältigt, die man ohne Sucht gar nicht hätte („Teufelskreis der Sucht“), und
- erhebliche Schäden für den Betroffenen oder die Gesellschaft entstehen lässt.
2. Bei der Anzahl suchtbedingter Todesfälle stehen die „harten“ Drogen statistisch vorne.
Antwort: Ganz falsch. Wenn man – vorsichtig geschätzt – von 111 000 Todesfällen durch Nikotinsucht und ca. 42 000 durch Alkoholsucht ausgeht, macht das etwa 153 000 Tote im Jahr allein für diese beiden Substanzen. Damit steht es 100:1. „Harte“ Drogen sind im Jahr für etwa 1500 Todesfälle verantwortlich. Das sind 1500 zu viele, aber Alkohol und Nikotin sind die Problemsubstanzen unserer Gesellschaft schlechthin. Die Zahlen gelten für Deutschland, stimmen aber im Verhältnis auch für andere mitteleuropäische Länder.
3. Striktere Alkoholgesetze bringen nichts – das sieht man ja auf jeder Fähre nach Schweden oder Norwegen.
Antwort: Falsch. Schweden und Norwegen sind die europäischen Länder, die den geringsten Alkoholkonsum und die niedrigste Abhängigkeitsquote aufweisen. Inklusive selbstgebrannter Produktion und illegaler Einfuhr konsumiert der durchschnittliche Schwede 4,9 l reinen Alkohol pro Jahr, bei Norwegern sind es sogar nur 4,4 l, also deutlich weniger als die Hälfte des Durchschnittsdeutschen (10,2 l). Das ist vermutlich nicht der Charakterstärke der Wikinger-Nachfahren zu verdanken, sondern den strengeren Alkoholbestimmungen. Wer den Alkoholkonsum auf Skandinavien-Fähren als Messlatte nimmt, sollte mit dem Kölner Karneval vergleichen.
Strengere Alkoholkontrollen bringen auch in Deutschland nachweisbar positive Ergebnisse: Fällt der Preis, steigt der Konsum und umgekehrt. Besonders stark ist dieser Effekt bei Jugendlichen und starken Trinkern.
Auch in Finnland, Russland und Polen wird nachweisbar deutlich weniger Alkohol getrunken als in Deutschland. In Sachen Alkoholkonsum ist Deutschland seit Jahren Weltmeister; auf Platz 2 steht Frankreich. Dort trinken allerdings fast alle, aber dafür eher mäßig, während in Deutschland 70 % des konsumierten Alkohols von 30 % der Bevölkerung verbraucht werden. Diese 30 % liegen deutlich über dem Maß für „gesunden Konsum“.
4. In geringen Mengen ist Alkoholkonsum gesundheitsfördernd.
Antwort: Falsch. Auch Alkoholkonsum in geringen Mengen ist bereits mit einem Anstieg des Risikos für viele somatische und psychische Erkrankungen verbunden. Auch Unfälle im Haushalt und im Straßenverkehr sowie der Anstieg von häuslicher Gewalt sind bereits beim Konsum kleiner Mengen Alkohol häufiger. Das geringere Risiko für Herzinfarkte durch Konsum kleiner Mengen Rotwein ist nachgewiesen, aber andere Erkrankungsrisiken (z. B. Krebs) machen auch das leider wieder wett. Als unbedenklich eingestuft wird für Frauen ein Konsum von unter 12 g/ Tag, für Männer von 24 g/ Tag – das entspricht etwa 0,3 bzw. 0,6 l Bier.
5. Alles, was man genießen kann, kann auch süchtig machen.
Antwort: Prinzipiell richtig. Jede Substanz und jedes Verhalten, das die Glücks- und Genusssysteme im Gehirn in Fahrt bringt, kann auch zu seelischer Abhängigkeit führen. Aber: Wer wirklich genießen kann, wird mit geringerer Wahrscheinlichkeit eine Suchtstörung entwickeln. Genießen lernen ist daher ein wichtiger Teil der Therapie bei vielen Suchtkranken – und dient der Prävention.
6. Auch wenn ein suchtkranker Mensch jede Behandlung verweigert, ist es wichtig, dass Angehörige für sich selbst Hilfe in Anspruch nehmen.
Antwort: Richtig. Sucht entsteht nicht in einem sozialen Vakuum. Versuche, den Suchtkranken zu unterstützen, sind oft eine indirekte Unterstützung der Sucht. Ko-abhängige Partner, Eltern, Kollegen und – nicht selten – Seelsorger und Therapeuten sind daher nicht nur eine „unzureichende Lösung“, sondern ein Teil des Problems. Ihre Beratung bzw. Therapie darf nicht dazu dienen, sie zu besseren „Ko-Therapeuten“ zu trainieren, sondern muss die eigenen Lebensthemen in den Blick nehmen (z. B. Abgrenzungsprobleme, Selbstwert durch Gebrauchtwerden). Die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, ist bei Suchtkranken oft erst vorhanden, wenn ein Genesungsprozess bei kodependenten Partnern/innen einsetzt.
7. Es gibt keine Suchtpersönlichkeit – jede und jeder kann süchtig werden.
Antwort: Stimmt. Auch wenn früher selbst in Fachbüchern oft gelehrt wurde, dass „Trinker wie Morphinisten prinzipiell abnorme Persönlichkeiten“ seien, gibt es bis heute keine Forschungsergebnisse, die das belegen könnten. Die Risikofaktoren für die Entwicklung von Suchterkrankungen sind enorm vielfältig und lassen sich nicht zu einer „typischen Persönlichkeitsstruktur“ summieren.
8. Ein elterliches Rauchverbot für Teenager fördert nur heimliches Rauchen.
Antwort: Falsch. Forschungen zeigen, dass Teens sich deutlich häufiger zu nichtrauchenden Erwachsenen entwickeln, wenn das Rauchen durch das Elternhaus verboten wurde. Das gilt sogar für Eltern, die selbst rauchen, wenn sie ihren Kindern deutlich machen, dass sie von ihrer eigenen Sucht zwar nicht loskommen, ihnen aber dieses Problem ersparen möchten. Generell gilt jedoch, dass der eigene (Nicht-)Konsum von Alkohol und Nikotin für Kinder Vorbildcharakter hat.
9. Am besten wäre es, Eltern würden Jugendlichen den Alkohol generell verbieten.
Antwort: Falsch. Während gesellschaftliche, schulische, jugendpädagogische, sowie gesetzliche Alkoholkontrollmaßnahmen durchaus sinnvoll sind, ist ein elterliches Verbot eher nicht sinnvoll. Die besten Chancen, nicht süchtig zu werden, haben Jugendliche, wenn sie im Elternhaus maßvollen Genuss erleben und erlernen können. Studien zeigen, dass in christlichen Kirchen, in denen Alkohol gänzlich verpönt ist, die Alkoholikerrate erhöht ist. Die geringste Alkoholikerquote im US-Vergleich haben jüdische Glaubensgemeinschaften: In dieser Kultur ist Mäßigung ein hoher Wert, und dazu gehört auch der maßvolle Umgang mit Alkohol. Eine freiwillige Abstinenz ist jedoch durchaus sinnvoll, besonders für Kinder alkoholkranker Eltern.
10. Von Marihuana oder Haschisch kann man nicht süchtig werden.
Antwort: Richtig, im Sinne von These 1: Die in beiden Drogen wirksame Substanz THC ist ein Haluzinogen und erzeugt (im Gegensatz zu Sedativa wie Alkohol oder Stimulanzien wie Nikotin) weder Toleranz noch Entzugssymptome. Aber: falsch im Sinne von These 5: Marihuanakonsum führt bei vielen Nutzern zu einer seelischen Abhängigkeit. Abgesehen davon ist Marihuana schädlich für das Gehirn, stark krebserregend und – besonders nach langfristigem und häufigem Konsum – antriebsmindernd („Null Bock-Kids“).
Ulrich Giesekus, Ph. D., geboren 1957, ist klinischer Psychologe in freier Praxis und Leiter des Beratungs- undTrainernetzwerkes BeratungenPlus in Freudenstadt. www.beratungenplus.de.
Quelle: “Text aus P&S 2/2009, www.punds.org“